AUS UNSERER STADT

21. 10. 2017

Es war das erste Mal, dass  ein Bauchredner im Kultursaal aufgetreten ist. Diese Begabung ist eigentlich erst seit gerade etwas über 100 Jahren anerkannt. Es ist die Fähigkeit des Künstlers, sein Publikum mit schnell wechselnden Stimmen zu täuschen. Meist geben sie verschiedenen Personen, Pu ppen oder Tieren diese Stimmen und sprechen, ohne die Lippen zu bewegen. Im frühen Mittelalter wurden Bauchredner teilweise als Zauberer verbrannt. Zum Glück wissen wir heute dieses Können sehr zu schätzen.

In Schrozberg gastierte am Samstag Tim Becker mit „Tanz der Puppen“. Schon als man einen Blick auf die Bühne warf, ließ sich erahnen, dass am Vorabend zuvor wohl eine wilde Party gefeiert wurde. Leere Flaschen und Gläser standen und lagen herum. Luftschlangen, die schon nicht mehr ganz in Form waren, hingen von den Möbelstücken. Unordnung und Dreck waren Hauptdekoration eines möblierten Wohnzimmers. Schlaftrunken, mit kariertem Pyjama und übrig gebliebenen Partyhütchen bekleidet betrat Tim Becker sein Bühnenwohnzimmer. Kopfschmerzen und Katerstimmung waren ihm deutlich anzusehen und mitzufühlen. In der Mitte der Bühne standen Eike, das übergroße Frühstücksei und Donut, der Donut in der Pappschachtel und schon entwickelte sich ein reges Gespräch zwischen den Dreien über die gestrige Wohnzimmer-Sause mit vielen, auch betrunkenen Gästen. Darunter Tim Becker, all seine WG-Mitbewohner und natürlich das gesamte Publikum. „Wie heißt du?“ fragte Tim gezielt eine Zuschauerin.“ Martina.“, entgegnete die angesprochene Dame.“ Martina, soll ich mal erzählen, was du gestern so alles getrunken hast?“. Schon waren die Zuschauer mit in die Bühnenparty einbezogen. Donut und Eike unterhielten sich auch über Politik.“ Weißt du, dass in den USA ein Donut-Präsident gewählt wurde, Donut Trump.“, fragte Donut der Donut das Ei. „Nein! Und wie ist er denn so?“. „So, wie er sein muss. Außen fettig und Innen hohl.“

Neben dem Publikum gehörten zur Wohngemeinschaft von Tim Becker auch eine Kanalratte mit Berliner Dialekt und Irokesenhaarschnitt, Dandy Randy das glitzernd homosexuelle Pony mit Silberblick und Udo, der sich eingeäschert zuerst auf dem Wohnzimmerfußboden und dann in einer Urne befand. Ein hinter dem Sofa wohnender Hippie, ließ das Publikum an seinen Marihuana- Trips teilhaben und belästigte die Nachbarn mit seinem unangenehm süßlichen Geruch. „Lieber Gras rauchen, als Heu schnupfen!“, war wohl immer sein Leitgedanke. Der Höhepunkt nach der Pause war der Auftritt von Karl K Punkt Ninchen, einem schlechtgelaunten weißen Hasen, der aus einem Zylinderhut gezaubert wurde. Er begrüßte die Zuschauer, die klatschten, erst einmal mit:“Schnauze!“ und gewann sofort die Herzen der Gäste durch seine Miesepetrigkeit.

All diesen Figuren gab er detailliert völlig unterschiedliche Charakterzüge, Sprachfehler, Dialekte, Akzente und auch Launen, so dass diese WG einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft widerspiegelte. So unterschiedlich diese Rollen auch waren, entstanden sie doch aus einem Körper. Tim Becker beherrschte es nicht nur die Puppen tanzen zu lassen, sondern überzeugte ebenso mit seiner smarten, sympathischen Zauberei. Der Abend hielt, was er versprach, eine faszinierend wahnwitzige Show mit so vielen bühnenfüllenden Charakteren, die sogar zum Nachdenken anregten. Und wie schrieb einst Goethe: „Fühlst du nicht an meinen Liedern, dass ich eins und doppelt bin?“