AUS UNSERER STADT

22. 7. 2017

Hunger, Elend und Krieg sind uns im heutigen Alltag fern. Mittlerweile durften bereits drei Generationen in Deutschland in Wohlstand und Frieden aufwachsen, die schrecklichen Ereignisse zwischen 1939 und 1945, der nachfolgende mühsame Aufbau, alles glücklicherweise hinter uns. Gerade für Schü ler ist es daher schwierig sich vorstellen zu können, in welcher Not die Menschen damals lebten und wie sie die Schwierigkeiten des Alltags bewältigen mussten.

Klar steht vieles in Schulbüchern, aber einen Text zu lesen ist doch etwas anderes als einem Menschen zu begegnen, der dies alles hautnah erlebt hat.

Erika Rüdel (Jahrgang 1930) ist es daher ein wichtiges Anliegen den Schülern diese Zeit näher zu bringen. Ergreifend und mit vollem Elan schilderte sie am letzten Mittwoch im Musiksaal der Schule Schrozberg anhand der Geschichte ihrer eigenen Familie auch die Veränderungen im Elsass rund um den zweiten Weltkrieg. Begleitet von der Französischlehrerin Sina Eras und der Geschichtslehrerin Yuriko Kraft hörten die Klassen 8 und 9 nicht nur einen sachlichen Vortrag, sondern erfuhren von einer Zeitzeugin in ergreifender Weise die verherenden Auswirkungen, wie Flucht, Vertreibung, Angst, Tod oder Hunger: „Hunger tut weh!“.

Erika Rüdels Vater stammte aus dem Elsass und so kam es, dass noch vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs die Familie mit ihren fünf Mädchen und einem Jungen dorthin zog. Eines der Mädchen war Erika Rüdel und so erlebte sie den Wandel von der deutschen Besetzung Frankreichs über die Entbehrungen während des zweiten Weltkriegs bis hin zu den Wirren und Problemen nach dem Krieg als Deutsche im nun wieder französischen Elsass.

So mussten während der deutschen Besatzung die französischen Schüler zum Beispiel ihre Namen ändern und die deutsche Sprache lernen, mit Ende des Krieges war es dann genau umgekehrt: Die deutschsprachigen Einwohner des Elsaßes mussten ihre Namen in französisch klingende wandeln. Der Unterricht in der Schule fand wieder auf französisch statt. Eindrücklich baute Erika Rüdel dazu vor der Klasse einige Sätze aus ihrer Schulzeit auf französisch in ihren Vortrag ein, so dass die Sprachbarriere für alle Schüler schnell erfassbar war. Was man sich heute in einem Europa mit offenen Binnengrenzen kaum vorstellen kann: Eine Reise von Straßburg nach Kehl über den Rhein war nach dem Krieg nur mit einem Tagesschein möglich. Erika Riedels Vater nutze diese Möglichkeit und kam mit schockierenden Schilderungen eines Deutschlands in Trümmern und hungernden Menschen ins Elsass am Abend zurück. Nur einzeln gelang schließlich den Familienmitgliedern ein Jahr später die Flucht aus Frankreich nach Deutschland.

Über zehn Jahre hatte Erika Rüdel einen französischen Pass, erst mit ihrer Hochzeit legte sie die französische Staatsbürgerschaft ab. Eine doppelte Staatsbürgerschaft war damals einfach zu schwer zu bekommen.

Viele Jahre später kehrte Erika Rüdel nochmals nach Straßburg zurück. Dort entdeckte sie die „Straße des 22. November 1944“. Mutig sprach sie einen älteren Straßburger auf das Datum an, der von Gefühlen tief bewegt ausrief: „Nie wieder Krieg.“

Am 22. November 1944 wurde Straßburg durch amerikanische Truppen von der deutschen Besatzung befreit.

Nie wieder Krieg, diese Friedensbotschaft hat Erika Rüdel eindrucksvoll den Schülern der beiden Klassen anhand ihrer Erlebnisse geschildert. DIE Schule Schrozberg bedankt sich dafür ganz herzlich.